DAS MENSCHLICHE AUGE

Für den Menschen ist der Sehsinn von sehr großer Bedeutung. Er ist der Leitsinn, der ihm und anderen visuell ausgerichteten Lebewesen eine sichere Orientierung ermöglicht. Ganz praktisch drückt sich dies auch in den Entschädigungssummen aus, die für den Verlust eines oder beider Augen von Versicherungen gezahlt werden. Hierbei wird in Deutschland der Invaliditätsgrad bei Verlust eines Auges mit 50 Prozent angegeben.

Der adäquate Reiz für das Sinnesorgan Auge entsteht beim Menschen durch elektromagnetische Strahlung mit einer Wellenlänge zwischen etwa 400 und 760 Nanometer und ist für Tag- und Nachtsehen etwas unterschiedlich. Der anatomische und funktionelle Aufbau des Augapfels stellt sicher, dass die zentrale Eigenschaft des menschlichen Sehsinns, die Sehschärfe, eine entsprechend hohe Qualität erreicht. Sie entsteht in einem etwa 5° großen Bereich unseres insgesamt horizontal rund 170° und vertikal rund 110° umfassenden binokularen Gesichtsfeldes.

Bei der Geburt besitzt das Auge noch nicht seine volle Sehfähigkeit. Erst im Laufe der ersten Lebensmonate lernen Neugeborene, die Dinge im Umfeld zu fixieren und somit für die notwendige Stimulanz zu sorgen, die das visuelle System für eine adäquate Entwicklung der Sehschärfe benötigt. Die Augen weisen im frühkindlichen Stadium in der Regel eine physiologische Weitsichtigkeit von +2,0 bis +3,0 Dioptrien auf. Durch das anatomische Wachstum ändern sich auch die optischen Verhältnisse. Die Weitsichtigkeit reduziert sich bis zum Erwachsenenalter deshalb im Idealfall auf etwa +0,5  Dioptrien.

Das menschliche Auge gehört zur Gruppe der Linsenaugen. Das zur Lichtbrechung notwendige optische System, der dioptrische Apparat, besitzt eine Gesamtbrechkraft von rund 60 Dioptrien (Emmetropauge nach Gullstrand 58,64 dpt). Die jeweiligen optisch wirksamen Bestandteile Hornhaut, Linse, Kammerwasser und Glaskörper, die sogenannten brechenden Medien, haben daran unterschiedlich große Anteile. Das gesamte System stellt sicher, dass die in das Auge einfallenden Lichtstrahlen auf der Stelle des schärfsten Sehens, der Fovea centralis, gebündelt werden. Durch den Vorgang der Akkommodation ist dies in den unterschiedlichsten Distanzen zwischen optischem Fern- und Nahpunkt möglich.

Auch wenn es den Anschein hat, als würde das menschliche Auge Dinge im Außenraum ruhig und bewegungslos fixieren, so vollführt es gleichwohl pro  Sekunde permanent etwa ein bis drei sehr kleine Blicksprünge, sogenannte Mikrosakkaden. Dies beugt einer Überreizung der Sinneszellen auf der Netzhaut vor, die Lokaladaption genannt wird.

Die Augenfarbe entsteht durch unterschiedliche Pigmentierung der Regenbogenhaut (Iris). Durch Einlagerung des braunfärbenden Melanins in die Iriseigenschicht bildet sich eine charakteristische Augenfarbe, die in Abhängigkeit von der Pigmentmenge über grau, gelb, grün bis braun, bei entsprechend hoher Menge von Melanin sogar bis hin zu schwarz, reicht. Dieses korreliert beim Menschen meist mit der Haut- und Haarfarbe. So besitzen hellhäutige und blonde Menschen eher blaue Augen, während dunkelhäutige mit dunklen Haaren meist eine braune Irisfärbung aufweisen. Etwa 90 Prozent aller Menschen weltweit haben braune Augen, darunter der weitaus überwiegende Teil der Menschen nichteuropäischer Abstammung. Der Rest verteilt sich auf Blau, Grün und Grau. Der Theorie des Genforschers Hans Eiberg von der Universität Kopenhagen zufolge sollen alle Blauäugigen von ein und demselben Menschen abstammen.

Während bei vielen anderen Lebewesen die Beid- beziehungsweise Mehräugigkeit ausschließlich der Vergrößerung des Gesichts- und Blickfeldes dient ist der menschliche Sehsinn darüber hinaus eindeutig auf Binokularität ausgelegt, das heißt auf einer Verschmelzung der Seheindrücke des jeweils rechten und linken Auges. Erst diese Fähigkeit als Ergebnis einer exakten Koordination und Zusammenarbeit ermöglicht ein qualitativ hochwertiges räumliches Sehen. Dagegen ist die Qualität der Sehschärfe im Vergleich bspw. zu der von Greifvögeln nur mittelmäßig.

AUFBAU DES MENSCHLICHEN AUGES

Das menschliche Auge veranschaulicht eindrucksvoll, wie genial sich der menschliche Körper im Laufe der Evolution entwickelt hat. Der Aufbau des Auges zeigt, wie perfekt die Bestandteile aufeinander abgestimmt sind. Jedes Teil hat eine bestimmte Funktion, die wie Zahnräder ineinandergreifen. So wird aus dem Licht, dass von der Umwelt reflektiert wird, im Gehirn ein visuelles Bild dieser Umwelt erzeugt.

Grob vereinfacht wirkt das Sinnesorgan Auge wie ein optischer Apparat: Seine Brechkraft bündelt das Licht auf der Netzhaut, wo es durch Photorezeptoren (Sehzellen) in elektrische Impulse umgewandelt wird. Um den Prozess des „Sehens“ zu durchschauen, ist es wichtig, den Aufbau des Auges und seine Bestandteile zu verstehen.

Die Sehschärfe eines Auges basiert auf der Brechkraft des optischen Apparates: das Licht wird idealerweise von Hornhaut und Linse direkt auf der Netzhaut fokussiert, d.h. der Brennpunkt des Lichtes liegt direkt auf der Netzhaut. Die Regenbogenhaut reguliert wie eine Blende den Lichteinfall, die  elastische Linse sorgt mit Hilfe des Ziliarkörpers für eine dynamische Anpassung zwischen Nah- und Fernsicht. Auf der Netzhaut wird das Licht von Sehzellen in elektrische Impulse umgewandelt und nach einer Filterung und Sortierung in den Netzhaut-Schichten über die Sehbahn ins Gehirn weitergeleitet. Der Glaskörper stabilisert die Form des Augapfels, der von der Lederhaut umschlossen wird.